Mehrsprachigkeit und Sprachverzögerung: Wenn dein Kind wenig spricht
Mehrsprachigkeit verursacht keine Sprachentwicklungsstörung. Auch eine verzögerte Sprachentwicklung lässt sich nicht einfach damit erklären, dass ein Kind mehrere Sprachen lernt. Wenig Deutsch allein ist aber ebenso wenig ein Beweis für eine Störung: Entscheidend sind die Entwicklung in allen Sprachen und die Gelegenheiten, diese zu hören und zu benutzen. Darauf weist das Zentrum für Mehrsprachigkeit der Universität Konstanz hin.
Vielleicht kennst du diese Situation: Zu Hause erzählt dein Kind beim Spielen, in der Kita hören die Fachkräfte dagegen kaum ein Wort. Oder es sagt „Noch milk“, und beim Familienbesuch heißt es: „Das sind einfach zu viele Sprachen.“ Solche Kommentare können verunsichern. Du möchtest deinem Kind helfen, ohne ihm eine Sprache zu nehmen, die zu eurer Familie gehört.
Du musst dich nicht zwischen euren Sprachen und fachlicher Unterstützung entscheiden. Beides darf zusammengehören.
Sprechen mehrsprachige Kinder grundsätzlich später?
Nein. Mehrsprachige Kinder brauchen nicht grundsätzlich länger, bis sie erste Wörter oder Wortverbindungen verwenden. Der Blick ausschließlich auf eine ihrer Sprachen kann ihre Fähigkeiten allerdings unterschätzen. Die amerikanische Kinderärzteorganisation AAP erklärt, dass bei der frühen Einschätzung Wörter aus allen Sprachen berücksichtigt werden müssen.
Dabei macht es einen Unterschied, ob dein Kind von Anfang an mehrere Sprachen erlebt oder eine weitere Sprache erst später regelmäßig kennenlernt. Wer seit wenigen Wochen eine deutschsprachige Kita besucht, hat andere Erfahrungen mit Deutsch als ein Kind, das diese Sprache seit seiner Geburt täglich hört. Aus dem Vergleich der deutschen Sätze allein lässt sich deshalb wenig ableiten. Das BIÖG beschreibt diese unterschiedlichen Wege des mehrsprachigen Aufwachsens.
Stell dir zwei Kinder vor, die beide „Apfel“ noch nicht sagen. Das eine kennt den Gegenstand und benennt ihn sicher in der Familiensprache. Das andere verwendet dafür bisher in keiner Sprache ein Wort. Auf einem rein deutschen Wortzettel sähe beides gleich aus. Im Gespräch über die Entwicklung sind es jedoch unterschiedliche Informationen, die Fachleute berücksichtigen sollten.
Warum kann der Wortschatz je nach Sprache verschieden sein?
Kinder kennen nicht automatisch jedes Wort in jeder ihrer Sprachen. Ihr Wortschatz hängt auch davon ab, mit wem sie worüber sprechen. Unterschiedliche Stärken sind deshalb nicht gleichbedeutend mit einer Sprachstörung. Universität Konstanz: Sprachhintergrund und Sprachleistung
Vielleicht backt dein Kind regelmäßig mit seinem polnischsprachigen Opa und kennt die Küchenwörter zunächst auf Polnisch. Die Namen der Fahrzeuge hört es dagegen vor allem in der deutschsprachigen Kita. Beim Erzählen vom Kuchen fehlt dann ein deutsches Wort, obwohl dein Kind genau weiß, was es meint.
Du kannst an den Inhalt anknüpfen: „Du meinst das Sieb. Ihr habt das Mehl durch das Sieb geschüttet?“ Dein Kind erhält ein passendes Wort, ohne erst beweisen zu müssen, dass es auch auf Deutsch alles kann.
Für einen Termin sind Beispiele aus euren verschiedenen Alltagssituationen hilfreich. Schreib ruhig auch Wörter auf, deren deutsche Übersetzung dein Kind noch nicht verwendet. Daraus soll keine selbst gebastelte Prüfung werden: Wie Wortschatz, Verständnis und Satzbau zusammen bewertet werden, gehört in fachkundige Hände.
Ist es ein Warnzeichen, wenn mein Kind Sprachen mischt?
Sprachmischungen allein sind kein Warnzeichen für eine Sprachentwicklungsstörung. Ein Kind kann Wörter oder Satzmuster verschiedener Sprachen verbinden, während es mehrsprachig kommuniziert. Das bedeutet nicht automatisch, dass es die Sprachen nicht unterscheiden kann. CHSA/ASHA: Mehr als eine Sprache lernen
Wenn dein Kind „Ich will den red ball“ sagt, könntest du antworten: „Du möchtest den roten Ball. Der liegt unter dem Stuhl.“ Damit bleibt ihr bei seinem Anliegen. Es muss den Wunsch nicht noch einmal in einer bestimmten Sprache vortragen, bevor es den Ball bekommt.
Auch du darfst nachfragen, wenn du ein Wort nicht verstehst: „Das Wort kenne ich noch nicht. Kannst du mir zeigen, was du meinst?“ So wird aus einer Verständigungslücke eine gemeinsame Suche. Eine weitere Sprache ist dabei nichts, wofür sich dein Kind entschuldigen muss.
Wichtig ist die Unterscheidung: Sprachen zu mischen ist etwas anderes, als über längere Zeit große Schwierigkeiten beim Verstehen oder Mitteilen zu haben. Eine einzelne gemischte Äußerung beantwortet die Frage nach dem gesamten Sprachstand nicht.
Wann sollten wir die Sprachentwicklung abklären lassen?
Hole kinderärztlichen Rat ein, wenn dein Kind sprachlich kaum vorankommt, auch in vertrauten Situationen häufig nicht versteht oder du Zweifel an seinem Hören hast. Mehrsprachigkeit ist kein Grund, eine anhaltende Sorge aufzuschieben. Das BIÖG empfiehlt, Schwierigkeiten bei der Sprachentwicklung früh anzusprechen.
Ein Gespräch ist beispielsweise sinnvoll, wenn in den vertrauten Sprachen nur wenige neue Wörter hinzukommen, Verständigung regelmäßig misslingt oder dein Kind deutlich darunter leidet. Du musst nicht erst selbst nachweisen, dass alle Sprachen betroffen sind. Beschreibe, was du beobachtest, und lass die Einordnung gemeinsam mit Fachleuten vornehmen.
Eine Sprachentwicklungsstörung betrifft den Spracherwerb über die verschiedenen Sprachen hinweg. Sie muss dabei nicht in jeder Sprache genau gleich aussehen. Der Deutsche Bundesverband für Logopädie erläutert die sprachübergreifende Betroffenheit; das ASHA-Fachportal beschreibt unterschiedliche Erscheinungsformen je nach Sprache.
Für die Vorbereitung reicht eine kleine Sammlung konkreter Beobachtungen. Zum Beispiel: „Beim Anziehen versteht sie unsere kurzen Bitten auf Türkisch. In der Kita braucht sie bei deutschen Aufforderungen oft ein Vormachen.“ Oder: „In beiden Sprachen fällt ihm das Verstehen einfacher Fragen schwer.“ Solche Beschreibungen sind hilfreicher als „Mein Kind kann keine Sprache richtig“.
Wie eine Abklärung und gegebenenfalls der Weg zur Therapie aussehen können, erklärt unser Beitrag „Wann braucht mein Kind Logopädie?“.
Was gehört zu einer fairen Untersuchung bei Mehrsprachigkeit?
Eine faire Einschätzung berücksichtigt alle Sprachen, ihre bisherige Nutzung und die Entwicklung des Kindes. Ein Test in Deutsch allein beschreibt zunächst Leistungen im Deutschen, nicht automatisch die gesamte Sprachfähigkeit. Zum Vorgehen gehören je nach Situation Gespräche, Beobachtungen, Sprachproben und geeignete Tests; auch Dolmetschende können einbezogen werden. ASHA: Mehrsprachige Diagnostik
Frage bei der Anmeldung, ob die Praxis Erfahrung mit mehrsprachig aufwachsenden Kindern hat. Erzähle, seit wann dein Kind welche Sprachen regelmäßig hört, wer sie mit ihm verwendet und ob sich daran zuletzt etwas geändert hat. Die Kita kann Beobachtungen ergänzen, während Angehörige Beispiele aus der Familiensprache beitragen.
Du darfst auch nachfragen: „Wie berücksichtigen Sie die Sprache, die wir zu Hause sprechen?“ Nicht jede Praxis kann jede Sprache selbst untersuchen. Wichtig ist, dass fehlende Informationen erkennbar bleiben und nicht stillschweigend als fehlende Fähigkeiten des Kindes gewertet werden.
Sollen wir zu Hause nur noch Deutsch sprechen?
Ihr müsst eine vertraute Familiensprache nicht aufgeben, weil euer Kind wenig Deutsch spricht oder sprachliche Schwierigkeiten hat. Sprecht in den Sprachen, in denen ihr euch sicher ausdrücken und miteinander in Kontakt kommen könnt. Die AAP empfiehlt das ausdrücklich auch für Familien von Kindern mit Sprachstörungen.
Deutsch braucht trotzdem verlässliche Gelegenheiten im Alltag, etwa in der Kita oder beim Spielen mit anderen Kindern. Das lässt sich ergänzen, ohne Gespräche mit Großeltern oder eure vertrauten Worte beim Trösten zu streichen. Das BIÖG betont sowohl den Kontakt zur Umgebungssprache als auch die Wertschätzung der Familiensprache.
Eine mögliche Antwort auf den Rat „Dann sprecht doch nur Deutsch“ wäre: „Wir möchten Deutsch gut unterstützen. Unsere Familiensprache behalten wir bei. Wenn uns etwas Sorgen macht, lassen wir die Entwicklung in allen Sprachen anschauen.“ Du musst daraus keine Grundsatzdiskussion beim nächsten Familienessen machen.
Auch das Modell „eine Person, eine Sprache“ ist eine Möglichkeit, keine Pflicht für jede Familie. Sprachen können beispielsweise mit Personen oder Alltagssituationen verbunden sein. Entscheidend sind passende Gelegenheiten zum Austausch, nicht ein fehlerfrei eingehaltenes Familiensystem. CHSA/ASHA: Sprachen im Familienalltag
Wie begleiten wir ein Kind, das in der Kita wenig spricht?
Wenig Sprechen in einer neuen Umgebung muss im Zusammenhang betrachtet werden. Beim Einstieg in eine neue Sprache kann das Verstehen dem eigenen Sprechen vorausgehen. Länger anhaltendes Schweigen sollte aber nicht pauschal als notwendige Lernphase erklärt werden. ASHA: Zur stillen Phase beim Zweitspracherwerb
Bitte die Fachkräfte um konkrete Beispiele: Spricht dein Kind mit einzelnen Kindern? Beteiligt es sich durch Zeigen? Versteht es wiederkehrende Abläufe? Wie wirkt es beim gemeinsamen Spiel? Erzähle umgekehrt, wie es zu Hause kommuniziert.
Ihr könnt vereinbaren, eine vertraute Spielsituation genauer zu beobachten und euch an einem konkreten Termin wieder auszutauschen. Bei deutlicher Belastung oder weiteren Auffälligkeiten holt ihr zusätzlich fachlichen Rat ein. Ein pauschales „Das liegt an den zwei Sprachen“ ist dafür kein ausreichender Abschluss.
Welche Gesprächsideen passen in unseren mehrsprachigen Alltag?
Vertraute Bilder, gemeinsame Handlungen und kleine Erlebnisse bieten Gesprächsanlässe, ohne dass ihr etwas kaufen oder übersetzen müsst. Die folgenden Beispiele sind Anregungen für euer Miteinander, keine Therapieübungen und kein Test des Sprachstands.
Gemeinsam ein Familienfoto anschauen
Nimm ein Foto von einem Ausflug oder aus dem Garten. Beginne selbst mit einer Erinnerung: „Da haben wir die riesige Pfütze entdeckt.“ Dein Kind zeigt vielleicht auf seine Stiefel. Du kannst anschließen: „Ja, deine Stiefel waren ganz voller Matsch.“
Wenn Oma das Foto später mit deinem Kind anschaut, darf sie in ihrer vertrauten Sprache davon erzählen. Es muss keine wortgleiche Übersetzung entstehen. Vielleicht erinnert sie sich an etwas anderes und daraus wird ein neues Gespräch. Dein Kind kann erzählen, zeigen oder erst einmal zuhören.
Eine kleine Aufgabe gemeinsam erledigen
Beim Tischdecken könnt ihr zusammen überlegen, was noch fehlt. „Ich habe die Teller. Was möchtest du tragen?“ Dein Kind zeigt auf die Löffel oder nennt sie in einer seiner Sprachen. Greife seine Auswahl auf und macht weiter.
Wenn es einen kurzen Satz sagt, kannst du einen Gedanken ergänzen: „Opa Löffel.“ „Genau, Opa bekommt auch einen Löffel.“ Die Aufgabe bleibt das gemeinsame Tischdecken. Ihr müsst daraus keine Runde machen, in der alle Gegenstände in zwei Sprachen aufgesagt werden.
Einer Bilderbuchfigur eine Stimme geben
Schaut eine Seite an, die dein Kind interessiert. Du kannst für eine Figur sprechen: „Oh, meine Mütze ist weggeflogen!“ Vielleicht möchte dein Kind antworten oder die Mütze suchen. Vielleicht erfindet es für die Figur einen Satz in einer anderen Sprache.
Wenn du diesen Satz nicht verstehst, lass dir die Idee zeigen oder erklären, soweit das gerade gelingt. Der gemeinsame Spaß darf bleiben, auch wenn nicht jedes Wort übersetzt wird. Weitere Anregungen findest du im Beitrag „Sprachförderung im Alltag“. Wenn du solche Ideen gern gesammelt nachliest, verbindet unser Ratgeber „Sprechen lernen. Spielen. Verstehen.“ Hintergrundwissen und praktische Spielanregungen. Für die beschriebenen Gespräche braucht ihr ihn nicht.
Euer nächster Schritt darf klein und konkret sein
Du musst heute weder euren Familienalltag umstellen noch eine Diagnose finden. Vielleicht fragst du zunächst in der Kita nach einer konkreten Situation. Vielleicht notierst du ein paar Beobachtungen für die Kinderarztpraxis. Und beim nächsten gemeinsamen Foto bleibt einfach Zeit zum Erzählen.
Eure Sprachen dürfen dabei ihren Platz behalten. Eine sorgfältige Abklärung schaut auf das, was dein Kind bereits mitbringt, und auf die Unterstützung, die es möglicherweise braucht.
Häufige Fragen zu Mehrsprachigkeit und Sprachverzögerung
Nein. Bei einem mehrsprachigen Kind müssen Wörter und Fähigkeiten aus allen verwendeten Sprachen berücksichtigt werden. Ein deutscher Wortschatzwert allein bildet den gesamten Sprachstand nicht ab. Die fachliche Einschätzung betrachtet zusätzlich Sprachverständnis, Verlauf und Sprachkontakt.
Nein. Sprachkenntnisse können sich nach Gesprächspartner, Thema und bisheriger Nutzung unterscheiden. Gleich starke Fähigkeiten in jeder Sprache sind keine Voraussetzung dafür, mehrsprachig zu sein.
Du musst keine „sprachreine“ Wiederholung verlangen. Antworte auf das Anliegen und biete bei Bedarf ein passendes Wort in der Sprache an, die du gerade verwendest. Sprachmischung allein belegt keine Störung.
Ja. Mehrsprachigkeit verursacht keine Sprachentwicklungsstörung, schließt sie aber auch nicht aus. Ob eine Therapie nötig ist, ergibt sich aus einer fachlichen Abklärung. Die Familiensprachen sollten dabei berücksichtigt werden.
Nein. Anhaltende Sorgen oder deutliche Verständigungsschwierigkeiten dürfen sofort angesprochen werden. Eine geeignete Abklärung berücksichtigt den bisherigen Kontakt mit Deutsch und die anderen Sprachen, statt gute Deutschkenntnisse vorauszusetzen.


