Manche Schicksalsschläge treffen uns hart, wenn zum Beispiel unser eigenes Kind durch einen unerwarteten Hirnschlag oder ein Schädel-Hirn-Trauma Schaden nimmt. Wenn das Sprachzentrum verletzt wurde oder infolge einer Hirnhautentzündung erkrankt, kann es zu einer sog. Aphasie kommen. Unser Kind wird sprachlos. Eine Diagnose, die auch uns Eltern die Worte raubt. Aber es gibt Möglichkeiten, wie wir unser Kind dabei unterstützen können wieder sprechen zu lernen.

Was heißt Aphasie?

Bei der Aphasie spricht man von einer neurologisch bedingten Sprachlosigkeit, das bedeutet jemand verliert die Fähigkeit zu sprechen, weil linke Teile des Gehirns, ins Besondere das Sprachzentrum nicht mehr richtig funktionieren. Es handelt sich um eine erworbene Sprachbehinderung, die meistens erwachsene und ältere Menschen betrifft, aber in seltenen Fällen sind es auch Kinder, die durch eine Aphasie deinen Sprachverlust erleiden. Sie können nicht mehr richtig sprechen oder gesprochene Sprache verstehen. Häufig verursacht die Hirnschädigung auch Störungen in der Bewegung (multimodale Störung). Betroffene Kinder sind dann nicht mehr in der Lage mehrere Dinge gleichzeitig zu koordinieren und sind oft sehr stark eingeschränkt und auf unsere Hilfe angewiesen. Es ist sehr anstrengend für sie zu sprechen und oft versteht man sie kaum, was sehr demotivierend für die Betroffenen ist.

Denn anders als Kinder, die stumm oder gehörlos geboren wurden oder aus anderen Gründen nicht sprechen tritt die Aphasie immer erst auf, nachdem Jemand bereits gelernt hat zu sprechen. Aufgrund einer Störung der Nerven und Hirnzellen geht diese Fähigkeit aber ganz oder teilweise verloren.

 

Ursachen und Formen der Aphasie

Die häufigste Ursache für eine Aphasie ist ein Schlaganfall. Hirnblutungen zerstören Teile des Sprachzentrums, was dazu führen kann, dass jemand Wörter nicht gut artikulieren kann und auch Schwierigkeiten mit dem Wortschatz, dem Satzbau und generell mit dem Lesen und Schreiben hat. Auch bei Tumoren, einem Hirntrauma oder einer fortgeschrittenen Alzheimer Erkrankung kann es zu Aphasie kommen.

Bei Kindern ist ein Schädel- Hirn-Trauma die häufigste Ursache. wenn dein Kind z.B. aus großer Höhe gestürzt, oder vom Wickeltisch gefallen ist. Auch wer sein Kind schüttelt, um es zu beruhigen riskiert einen Hirnschaden, deshalb ist es wichtig sich über dieses Thema zu informieren.

 

Es gibt vier Formen der Aphasie: Von leicht bis schwer

  1. Amnestische Aphasie

Bei dieser Form der Aphasie handelt es sich glücklicherweise nur um eine leichte Einschränkung der Sprachfähigkeit. Dein Kind versteht alles, kann das Gesagte aber nicht genauso wiedergeben, weil es ihm schwer fällt die geeigneten Worte zu finden. Meistens ersetzt es dann Worte, die es nicht beschreiben kann mit Ersatzbegriffen, wie das „Ding“. Personen mit amnestischer Aphasie können aber ganz normal lesen oder schreiben, wenn sie es vorher erlernt haben. Infolge eines Schädel-Hirn-Traumas kann es auch dazu kommen, dass das Kurzzeitgedächtnis teilweise nicht so gut funktioniert oder dein Kind nur verzögert antwortet, weil es noch nach dem richtigen Worten sucht.

  1. Broca-Aphasie

Bei der Broca-Aphasie verarbeitet dein Kind Sprache langsamer, d.h. es versteht nicht immer alles und kann auch nur langsam und nicht flüssig sprechen. Auch wenn es weiß, was es sagen möchte, lässt es Sätze oft unvollständig oder baut Sprechpausen ein. Es vergisst Laute oder verwechselt sie, dadurch wirkt das Sprechen stockend und ist mühsam. Manche nennen diese Art zu sprechen „Telegramm-Stil“. Das Gesagte ergibt Sinn, auch wenn es nur gestammelt wurde.

  1. Wernicke-Aphasie

Diese Art der Aphasie ist tückisch, die Betroffenen merken meist gar nicht, dass sie eine Sprachstörung haben. Dein Kind kann in der Regel mühelos sprechen, es verdreht aber oft Buchstaben und Wörter oder verwechselt Laute. Dadurch ist es manchmal schwer zu verstehen, was es sagen möchte. Kinder mit Wernicke-Aphasie verstehen Gesprochenes auch nicht immer. Sie selbst reden sehr viel, auch wenn das was sie sagen nicht unbedingt mit dem zu tun haben muss, was sie sagen wollen. Sie werden sozusagen von ihrer eigenen Wortflut überrollt oder kreieren Wortneuschöpfungen.

  1. Globale Aphasie

Dies ist die schwerste Form der Aphasie, weil die Betroffenen in allen Bereichen sehr eingeschränkt sind. Menschen mit globaler Aphasie fällt spontanes Sprechen sehr schwer, auch das Nachsprechen und Verstehen ist sehr mühselig für sie. Es ist unglaublich schwierig sich mit Jemanden, der an globaler Aphasie leidet zu verständigen. Oft sind ältere Menschen nach einem Schlaganfall oder mit einer Alzheimer Erkrankung von dieser Form der Aphasie betroffen. Sie sprechen nur Wortteile oder nur einzelne Silben, wie „dadada“ und erinnern vielmehr an das frühkindliche Sprechstadium. Auch verstehen sie gesprochene Worte nur schlecht oder überhaupt nicht.

Weil es nicht nur verschiedene Formen, sondern auch Ausprägungen der Aphasie gibt, ist es wichtig für jedes Kind oder jeden betroffenen Erwachsenen eine individuelle Diagnose zu machen, um den passenden Therapieplan erstellen zu können.

 

Wie kann die Sprachstörung therapiert werden?

Sollte dein Kind infolge eines Schädel-Hirn-Traumas oder einer Schädigung des Sprachzentrums an Aphasie leiden ist es ratsam, so früh wie möglich mit einer Behandlung zu beginnen. Wegen der unterschiedlichen Ausprägungen der Störung sind manchmal verschiedene Therapieansätze notwendig.

  • Sprach-/Sprechtherapie

Der erste Schritt ist ein Termin beim Facharzt und beim Logopäden. Es gibt in manchen Städten geeignete Therapiezentren oder Kliniken mit ambulanter Rehabilitation. Einige Familienbildungsstätten bieten auch Sprechstunden mit qualifizierten Sprachtherapeuten an, die sich auch auf neurologisch bedingte Sprachlosigkeit spezialisiert haben. Dein Kind sollte den Sprachtherapeuten drei bis viermal die Woche besuchen und mit ihm über einen längeren Zeitraum, von einem Jahr oder länger, üben und seine Sprachfähigkeit stabilisieren. Konkrete Adressen und Beratungsangebote finden interessierte Eltern auch bei Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e.V..

Ziel der Therapie ist es die sprachlichen Fähigkeiten wieder anzukurbeln und möglichst gut wieder herzustellen. Dein Kind lernt in den Sitzungen, wie es sich korrekt ausdrücken und andere besser verstehen kann. Der Therapeut versucht sozusagen die Ausdrucks- und Verstehensleistung zu reaktivieren. In den ersten vier bis acht Wochen nach dem Eintreten der Sprachlosigkeit wird dein Kind durch verschiedene Verfahren dazu angeregt wieder mit dem Sprechen anzufangen.

Anschließend wird in der sog. Stabilisierungsphase geschaut, dass dein Kind Worte wieder artikulieren kann und lernt sich zu fokussieren, um das sagen zu können, was es mitteilen möchte. Wenn es nicht möglich ist den Sprachgebrauch zu normalisieren, wird geschaut, ob man nicht Ersatzstrategien entwickeln kann, um miteinander zu kommunizieren. Sehr oft werden auch technische Kommunikationsmittel zur Hilfe genommen.

  • Musiktherapie

Eine weitere Möglichkeit dein Kind zum Sprechen anzuregen ist der Weg über Gesang. Viele Therapeuten verwenden sprachlich-gesangliche Übungen, um ihre kleinen und großen Patienten zum Sprachgebrauch anzuregen und zu fördern. Vielleicht kann auch dein Kind beim Singen besser auf seine Sprache zurückgreifen.

Experten erklären dies so, dass Melodien und Rhythmusgefühl in der rechten Gehirnhälfte abgespeichert sind. Das Sprachzentrum, dass für die Deutung und das Verstehen und Sprechen von Sätzen und Worten zuständig ist, befindet sich in der linken Hirnhälfte, die bei Aphasie Schaden genommen hat. Man trickst das Gehirn quasi aus und macht es sich zunutze, dass es durch die musikalischen Anregungen neue, stabile Nervenverknüpfungen zwischen den Hirnteilen bildet.

 

Was Eltern und Angehörige tun können?

Wenn dein Kind an einer Form der Aphasie leidet ist es sehr wichtig, deinem Kind das Gefühl zu geben, dass es ein gleichwertiger Sprachpartner ist. Wie? Wenn ihm gerade ein Wort nicht einfallen möchte, dann gewähre ihm die Zeit danach zu suchen. Sag ihn nichts vor oder verlange auch nicht, dass es dir den Begriff nachspricht, wie wir es beim Erlernen einer Fremdsprache tun. Selbstständigkeit, vor allem im sprachlichen Bereich ist sehr wichtig, damit sich auch die Persönlichkeit deines Kindes gesund entwickeln kann.

Dazu gehört auch, dass wir Eltern im Gespräch mit anderen nicht so tun, als ob unser Kind nicht anwesend wäre. Statt zu sagen, dass der Tobi oder die Steffi gerade nicht antworten mag, kannst du versuchen dein Kind in die Unterhaltung mit einzubeziehen, auch wenn es sich selbst nicht aktiv am Gespräch  beteiligen möchte.  Wenn du vor anderen zeigst, dass du das Schweigen deines Kindes akzeptierst, stärkst du sein Selbstvertrauen und auch euer Vertrauen zu einander. Andernfalls kann es sein, dass Kinder vor Scharm und mangelnder Förderung das Sprechen ganz aufgeben und ihre Sprachfähigkeit zunehmend verkümmert.

 

Tipps, wie du mit deinem Kind umgehen kannst

  • Hab viel Geduld mit deinem Kind und ermuntere es zum Sprechen, auch wenn das Gesagte nicht immer korrekt ist. Der Inhalt zählt. Lobe es für den Mut, dass es sich traut.
  • Achte auf die Mimik und Gestik deines Kindes, denn auch nonverbale Kommunikation ist hilfreich, um das Gesagte zu unterstreichen.
  • Sprich langsam und deutlich und verwende kurze und einfache Sätze oder erleichtere deinem Kind die Kommunikation durch Entscheidungsfragen, wo es nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten muss.
  • Sag deinem Kind keine Worte vor, sondern warte ab, ob es alleine auf den Begriff kommt oder dich danach fragt.
  • Bitte es, das Gesagte zu wiederholen, wenn du es nicht verstanden hast, aber unterbrich es nicht beim Sprechen (schalte störende Hintergrundgeräusche, wie Radio oder Fernseher aus)
  • Lege in eurer Wohnung Stifte und Papier bereit, damit dein Kind dir aufschreiben oder zeichnen kann, was es möchte.

Weitere Ratschläge findest du in unserem Übersichtsartikel zum Thema, warum Kinder nicht sprechen. Das ausschlaggebendste ist jedoch, dass ihr als Familie zusammenhaltet – trotz Sprachlosigkeit. Denn es ist viel wichtiger, dass euer Kind sich geliebt und unterstützt fühlt, als das es eure oder die Erwartungen anderer erfüllt. Jedes Kind ist einzigartig und entwickelt sich in seinem eigenen Rhythmus, auch wenn dieser bei einigen Kindern auf Grund einer angeborenen oder durch Krankheit erworbenen Sprachstörung leicht aus dem Takt geraten ist.